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Rosenplatz

Rosenplatz. Die Bahnsteiguhr tickt unregelmäßig, und Mira guckt ihr kurz zu, bevor sie einsteigt. Das Ohrensummen vom Konzert ist noch nicht weg — es ist weniger geworden, aber nicht verschwunden. Ein Hochton, der irgendwo im Kopf steht. Das Mond-T-Shirt unter der Jeansjacke ist leicht feucht vom Tanzen, und das ist nicht unangenehm, nur eine Erinnerung, die am Rücken klebt. Der Gang ist leer. Das dritte Abteil auch fast. Am Fenster, rechts, sitzt ein Mann. Cord-Sakko in einem Farbton, den es nicht mehr zu kaufen gibt. Weiß-silbernes Haar, zusammengeschoben zu einer Frisur, die mal Ordnung war und jetzt Gewohnheit ist. Neben ihm, auf einer gefalteten Jacke, liegt ein Dackel — rot-braun, kurzhaarig, die Schnauze auf den Pfoten. Die Augen zu, aber nicht ganz. Auf der linken Bank, am Fenster, sitzt eine Frau. Anfang dreißig vielleicht. Bunte Leggings, oversize-Jeansjacke, halb aufgelöster Zopf. Neben ihr ein schwarzer Gitarrenkoffer, der den Fensterplatz belegt. Auf der Fensterbank ein Mini-Lautsprecher, aus dem Musik kommt, so leise, dass Mira erst glaubt, sie hört sich selber. „Frei?“ Der Mann nickt bedächtig. Die Frau hebt zwei Finger, ohne aufzuschauen. Mira setzt sich diagonal. Rücken an die Wand, Knie hoch, Rucksack auf die Nebenbank, weil man Rucksäcke eben nicht zwischen die Füße stellt. In der Vortasche: das Ladekabel, das sie heute nicht gebraucht hat, weil das Handy das ganze Konzert in der Jackentasche geblieben ist. Eine leere Wasserflasche. Der zerknitterte Flyer mit dem Mond drauf. Die Ohrstöpsel, die sie hätte nehmen sollen, wenn sie ehrlich ist — aber sie ist fünfzehn, und bei ihrem ersten Solo-Konzert nimmt man keine Ohrstöpsel mit. Die Tür zischt. Das Zischen endet mit einem kleinen Klack. Der Zug ruckt. Es riecht im Abteil nach zwei Sachen, die Mira erst nicht auseinanderbekommt — Diesel und etwas Warmes, fast Süßes. Erst nach einer Weile versteht sie, dass das Warme sie selber ist. Konzert-Merch, Schweiß, der Duft vom Haarspray, den hunderttausend Leute im Publikum hatten und von dem ein bisschen an ihr hängen geblieben ist. Die Stadtlichter werden weniger. Werden ein paar Fenster. Werden eines, dann keines mehr. Das gelb-warme Abteillicht erreicht nicht ganz die Decke; oben wird’s schwarz. Mira legt die Schläfe ans Fenster und merkt, dass das Glas noch Tagwärme hat. Draußen Feld. Drinnen der leise Lautsprecher der Frau mit dem Gitarrenkoffer, die gerade aufsteht, ihn ganz leise dreht und sich wieder hinsetzt. Und dann, für drei Sekunden, nichts außer Zug. Der Dackel öffnet ein Auge. Hebt den Kopf. Schnüffelt in Miras Richtung. Der Mann neben ihm schlägt die Zeitung um, ganz leise, weil der Hund schläft. Der Hund schläft nicht, aber so tut er. Er legt die Schnauze wieder auf die Pfoten. „Es riecht nach Konzert hier“, sagt der Mann, ohne aufzuschauen. Mira lacht mit geschlossenem Mund. „Sorry.“ „Kein Grund.“ Ein einziger Gedanke, Lea. Lea mit Mandelentzündung, seit Dienstag flach, das zweite Mond-Shirt im Schrank. Morgen früh schreibt Lea, ob’s gut war. Es war gut. Schreibt man das so einfach? Der Zug nimmt Fahrt auf.

Was tust du?